Genetisches Lernen


Einzelausgabe
Errichten politischer Gemeinschaften (Unterrichtsmaterial ab Jahrgangsstufe 10/gymnasiale Oberstufe)
Reihe: Politik betrifft uns
Themengebiet: Deutschland , Sachthemen
Erscheinungsjahr: 2020
Zielgruppe: Sekundarstufe II: Ab Jahrgangsstufe 10, Gymnasiale Oberstufe
Beschaffenheit: Heft, DIN A4, perforiert, 28 Seiten, inkl. 2 farbige OH-Folien
Seitenzahl: 28
Produktnummer: 40-2002

21,50 €

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Produktinformationen "Genetisches Lernen"

Das vorliegende Heft befasst sich mit der Neugründung politischer Gemeinschaften. Zentraler Gedanke dieses Heftes ist, dass Schüler/-innen bereits eigene Vorstellungen über die Funktionsweise und den Aufbau demokratischer Systeme besitzen und diese individuellen Erfahrungen für den Unterricht nutzbar gemacht werden können. Genetische Lernsituationen reduzieren komplexe politische Inhalte wie z.B. die Konzeption eines Gemeinwesens auf politisch bedeutsame Basiskonzepte, die für politisches Wissen prägend und strukturbildend sind. Die drei Gründungssimulationen können sowohl unabhängig voneinander als auch einzeln im Unterricht eingesetzt werden.


Die vorliegende Unterrichtseinheit gliedert sich in drei Teile:

• Im ersten Teil der Unterrichtsreihe setzen sich die Schüler/-innen im Rahmen eines Entscheidungsspiels mit der Frage auseinander, welche Gesetze und Regeln für das Zusammenleben notwendig sind.
• Im zweiten Teil der Reihe beschäftigen sich die Schüler/-innen mit der Simulation einer verfassungsgebenden Versammlung. Im Rahmen von Gruppenarbeiten befassen sich die Schüler/-innen mit der Frage nach der grundsätzlichen Ausrichtung des politischen Systems zwischen den Polen parlamentarisch und präsidentiell sowie unter anderem mit einer Neuausarbeitung des Wahlsystems zwischen Mehrheits- und Verhältniswahlrecht.
• Im dritten Teil der Unterrichtsreihe planen die Schüler/-innen nach dem fiktiven Zusammenbruch der UN in vier Bereichen (Entwicklung, Internationale Sicherheit, Umwelt- und Handelspolitik) Elemente einer „neuen“ Weltordnung.

 


Über "Politik betrifft uns" – Unterrichtsmaterial für den Politikunterricht

„Politik betrifft uns“ ist eine Fachzeitschriftenreihe zur Unterrichtsvorbereitung in Politik, Sozialkunde, Gemeinschaftskunde bzw. Politische Bildung in der Sekundarstufe II.

Im Abonnement erscheint die Publikation sechsmal im Jahr. Dabei thematisiert eine jede Ausgabe tagesaktuelle Geschehnisse aus Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft unter Berücksichtigung der Lehrpläne der Bundesländer.

Auf 28 Seiten wird eine komplette Unterrichtseinheit abgebildet. Aktuelle Texte, Statistiken, Interviews sind mit Aufgabenstellungen so aufbereitet, dass sie als Kopiervorlage direkt im Unterricht eingesetzt werden können. Die dazugehörigen Lösungen stehen Lehrerinnen und Lehrern im „Unterrichtsverlauf“ zur Verfügung. Eine Klausur mit Erwartungshorizont rundet jede Ausgabe ab.

Neben der gedruckten Form erscheint "Politik betrifft uns" auch digital. Online bekommen die Abonnentinnen und Abonnenten Zugriff auf die gesamte Ausgabe als PDF-Datei und editierbare WORD-Datei. So wird die Möglichkeit geboten, Arbeitsblätter für die jeweilige Lerngruppe anzupassen. Außerdem sind Bilder und Karikaturen online einzeln verfügbar, um diese mit Beamer oder interaktivem Whiteboard präsentieren zu können.

„Politik betrifft uns“ ist bestellbar als Zeitschriften- oder Online-Abonnement.

Zusätzlich besteht die Möglichkeit, mit einer erweiterten Schullizenz die Publikation in der Fachschaft und dem Schulnetzwerk zu nutzen.

Aus dem Inhalt


Diese Ausgabe enthält Unterrichtsmaterial zu folgenden Themen:

1. Teil: Die Gründung eines politischen Gemeinwesens
  • Insel-Szenario
  • Auswertungsmatrix
  • Grundlagen des politischen Gemeinwesens Deutschlands
2. Teil: Deutschland 2040: eine neue Republik?
  • Karikatur „Gut gewachsen“
  • Szenario
  • Der verfassungsgebende Bürgerrat: Aufgaben und Ablauf
  • Hintergrundinformationen zu den einzelnen Arbeitsgruppen
  • Der verfassungsgebende Bürgerrat: Auswertung
  • Der verfassungsgebende Bürgerrat: Auswertung EXTRA
  • Deutschland 2040: Eine neue Republik? AKTUELL
3. Teil: Eine neue Weltordnung nach dem Zusammenbruch der UN
  • Szenario zum Zusammenbruch der UN 2030
  • Ablaufplan Entscheidungskonferenz
  • Entscheidungskonferenz/Rollenprofile
  • Auswertung der Entscheidungskonferenz/Meinungsbarometer
  • Entscheidungskonferenz/Rollenprofile AKTUELL
4. Teil: Klausurvorschlag + Erwartungshorizont
  • Klausurvorschlag
  • Erwartungshorizont


Einleitung

Die liberale, repräsentative Demokratie westlichen Zuschnitts ist heute in ihren Kernelementen bedroht. Einerseits wird mit dem Rückgriff auf einen ausschließenden Volksbegriff die Ablehnung einer liberalen Wertebasis artikuliert. Zentrale Merkmale liberaler Demokratien wie das Mehrheits- und Konsensprinzip, der Minderheitenschutz, die Akzeptanz einer politischen Opposition sowie der Schutz der Grund-, Bürger- und Menschenrechte werden mit dem Bezug auf einen wie auch immer gearteten „Volkswillen“ bemängelt und abgelehnt. Während diese Bedrohung mit ihrem Rückgriff auf historisch vergangene Vorstellungen altmodisch wirkt, gibt es allerdings auch eine moderne und progressiv erscheinende Tendenz, liberale Errungenschaften überwinden zu wollen. Die Vorstellung einer durch Experten geführten Regierung, verbunden mit durch das Los ausgewählten Bürgervertretern, verspricht einerseits negative Auswüchse des Repräsentationsprinzips zu überwinden, andererseits betont der deliberative Charakter dieser Vorstellungen eine Weiterentwicklung unserer „verkrusteten“ Demokratie. Beide Entwicklungen arbeiten mit den Begrifflichkeiten einer „Neugründung“ der Demokratie, die entweder den „Volkswillen“ unmittelbar abbildet oder aber Demokratie zur Bewältigung der großen Herausforderungen in der Zukunft befähigt.

Auch das vorliegende Heft befasst sich mit der Neugründung politischer Gemeinschaften. Zentraler Gedanke dieses Heftes ist, dass Schüler/-innen bereits eigene Vorstellungen über die Funktionsweise und den Aufbau demokratischer Systeme besitzen und diese individuellen Erfahrungen für den Unterricht nutzbar gemacht werden können. Zum einen dienen diese Vorerfahrungen als Denk- und Ordnungsmuster bei der Gestaltung und Konzeption neuer politischer Gemeinschaften. Zum anderen nehmen die Schüler/-innen dadurch politische Entscheidungen als Ergebnisse kollektiver Lernprozesse wahr, die vergleichbar mit ihren individuellen sind. Darüber hinaus führen die wahrscheinlichen Handlungsschwierigkeiten bei der Gestaltung von Gründungssimulationen bei den Schülerinnen und Schülern zu einer Änderung vorhandener Werte und Alltagsvorstellungen. Genetische Lernsituationen (ein zentraler Begriff von Andreas Petrik und seiner genetischen Politikdidaktik, Hinweise dazu in den Literaturempfehlungen) reduzieren komplexe politische Inhalte wie z.B. die Konzeption eines Gemeinwesens auf politisch bedeutsame Basiskonzepte, die für politisches Wissen prägend und strukturbildend sind. So sind im Kontext von Gründungssimulationen die Basiskonzepte Macht und Entscheidung, Interessen und Gemeinwohl sowie Ordnung und Struktur besonders bedeutsam.

Sie bieten eine Auswahl von politischen Leitfragen, die differenziert nach Lerngegenstand und Lerngruppe immer wieder auf den Kern des Politischen verweisen und damit das Vermittlungsproblem zwischen dem Lerngegenstand und den Lernenden überbrückt. So kann die Leitfrage des Basiskonzeptes Macht und Entscheidung („Wie können die Bürger auf den politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess Einfluss nehmen?“) anhand differenzierter Lerngegenstände (Gemeinde, politisches System Deutschlands, internationale Beziehungen) kategorial angemessen und gleichzeitig lebensweltlich verständlich vermittelt werden. Basiskonzepte dienen dabei einerseits als Schneise, die sie in die unendliche Vielfalt des politischen Tagesgeschäfts schlagen, andererseits strukturieren sie die Wahrnehmung des Politischen durch die Schüler/-innen auf seinen Kern hin und bieten ihnen damit dauerhafte Orientierungsmuster. Da, wo die Selbstkonzepte und Vorstellungen der Schüler/-innen zur Gestaltung der Gründungssimulationen nicht ausreichen, entstehen kognitive Dissonanzen, die entweder von den Schülerinnen und Schülern überwunden bzw. gelöst werden müssen oder Lernchancen zur Vertiefung durch die Lehrenden bieten.

Die Basiskonzepte leisten damit einerseits einen sachanalytischen Zugang zu den Lerngegenständen, da diese mithilfe der Leitfragen aufgeschlüsselt werden können. Andererseits bieten sie dadurch auch Problemstellungen für den Unterricht, die die Fachgegenstände für die Schüler/-innen aufschließen und in lohnende Lerngegenstände überführen helfen.

Kompetenzerweiterungen

Die vorliegende Unterrichtseinheit ist in drei Teile gegliedert. Alle drei Teile fördern schwerpunktmäßig die politische Handlungskompetenz. Die drei Teile der Unterrichtseinheit können angepasst je nach thematischem Zuschnitt einzeln oder auch verbunden eingesetzt werden.

Der erste Teil der Unterrichtsreihe beschäftigt sich ohne explizites Vorwissen mit der Gründung eines politischen Gemeinwesens, eingebettet in ein Inselspiel. Ausgehend vom Szenario und den Erschließungsfragen werden die Schüler/-innen eine Ordnung entwickeln, die sich – je nach Lerngruppe – nahe an der politischen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland orientieren wird. Beim Vergleich der von den Lernenden konzipierten Ordnungen sollten besonders divergente Lernprodukte diskursiv umgewälzt werden. Mithilfe des Art. 20 GG und den Entscheidungen, die der Parlamentarische Rat getroffen hat, wird den Schülerinnen und Schülern das politische System Deutschlands vermittelt. Durch den Abgleich von Gemeinsamkeiten und Unterschieden ergeben sich für die jetzt folgende Beschäftigung mit der politischen Ordnung lernwirksame Erschließungs- und Problemfragen.

Der zweite Teil der Unterrichtsreihe lässt sich sehr gut am Ende der Unterrichtseinheit zum politischen System Deutschlands einsetzen. Auch hier steht die politische Handlungskompetenz an oberster Stelle, darüber hinaus wird aber durch die Hintergrundinformationen zu den vier Bereichen parlamentarisch versus präsidentiell, föderal oder zentralistisch, direktdemokratisch oder repräsentativ, Verhältniswahl versus Mehrheitswahl auch die Sachkompetenz gefördert. Ausgehend vom konzipierten Szenario „Deutschland 2040“ und dem zunehmenden Verlust sowohl der Problemlösungsfähigkeit als auch der Legitimationsbasis unseres politischen Systems sollen die Schüler/-innen eine verfassungsgebende Versammlung simulieren. Dabei bilden sie für die oben genannten Bereiche Sektionen, die mithilfe von Zusatzmaterialien Vorschläge für eine „neue Republik“ entwickeln sollen. Für den zweiten Teil liegt als Folie die Karikatur „Gut gewachsen“ bei, die entweder als Einstieg in den zweiten Teil oder zur Vertiefung in Form einer Beurteilung am Ende des ersten Teils verwendet werden kann. Die Auswertung der Ergebnisse der verfassungsgebenden Versammlung dient vor allem dem Selbstlernen der Schüler/-innen, da sie ihre eigenen Lernzuwächse definieren sollen.

Auch der dritte Teil der Unterrichtsreihe ist in Form einer Gründungssimulation gestaltet – diesmal bezogen auf das Fach „Internationale Beziehungen“, sodass es um die Gestaltung einer neuen Weltordnung geht. Gerade unter der Perspektive, dass Kriegsnachrichten uns tagtäglich erreichen, der UN-Sicherheitsrat kaum handlungsfähig ist, der amerikanische Präsident die Struktur des Welthandels nachhaltig verändert und die Welt vor einem Dilemma steht: Einerseits versucht sie, ihre Industrie zu dekarbonisieren, andererseits pochen viele sogenannte Entwicklungsländer auf ihr Recht zur wirtschaftlichen Entwicklung. Daher ist dieser Teil besonders aktuell und für die Schüler/-innen von großer Bedeutung.

Ausgehend von einem Szenario, das diese angerissenen Entwicklungen noch vertieft, bilden ausgewählte Länder und Länderzusammenschlüsse eine Entscheidungskonferenz, auf der Grundzüge einer neuen Weltordnung diskutiert und wenn möglich auch vereinbart werden sollen. Zur Erarbeitung der Akteurs-Profile erhalten die Lernenden Rollenprofile, die mit der Methode des Web-Quest noch vertieft werden können. Bei der Auswahl der beteiligten Staaten bzw. Staatengruppen haben wir uns bewusst für eine Auswahl nach ihrer Bedeutsamkeit entschieden. Die beteiligten Akteure repräsentieren etwa drei Viertel der aktuellen Weltbevölkerung und spiegeln die zentralen Positionen zu den vier ausgewählten Bereichen (Friedenssicherung, Entwicklungspolitik, Handels- und Umweltpolitik) wider.

Die Entscheidungskonferenz ist aufgrund der notwendigen Zustimmungsquoten so konzipiert, dass argumentative Grenzen von den Lernenden erreicht werden und bestimmte idealistische Vorstellungen von der Zusammenarbeit der Staaten abgelegt werden müssen. Hierdurch entstehen natürlich Leerstellen, die im Fortgang von den Lehrenden noch vertiefter bearbeitet werden können. Dessen ungeachtet bietet sich der dritte Teil eher am Ende einer Unterrichtsreihe zu den Internationalen Beziehungen als zum Einstieg in dieselbe an. Die Auswertung des Teils ist über ein Meinungsbarometer gestaltet, das hilft, die Vorstellungen der Lerngruppe zu erfassen. Die drei in der Unterrichtsreihe zusammen gefassten Gründungssimulationen sind alle bereits erprobt und auf ihre Lernwirksamkeit hin evaluiert worden.

Den Abschluss der Reihe bildet ein für eine Doppelstunde konzipierte Klausur einschließlich möglichem Erwartungshorizont.