Filmbildung im Politikunterricht


Einzelausgabe
Aufwand, Nutzen und Ertrag (Unterrichtsmaterial ab Jahrgangsstufe 10/gymnasiale Oberstufe)
Reihe: Politik betrifft uns
Themengebiet: Lebenswelten von Jugendlichen
Erscheinungsjahr: 2021
Zielgruppe: Sekundarstufe II: Ab Jahrgangsstufe 10, Gymnasiale Oberstufe
Beschaffenheit: Print: Heft, DIN A4, perforiert, 28 Seiten, inkl. 2 farbiger OH-Folien; Online: Heft (PDF und Word), Bilder (.jpg)
Seitenzahl: 28
Produktnummer: 40-2103

21,50 €

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Produktinformationen "Filmbildung im Politikunterricht"

Filme eignen sich im Besonderen für den Politikunterricht, weil sie bei aller analytischen Durchdringung und didaktischer Aufbereitung einen ganzheitlichen ästhetischen Mehrwert bieten: die Wahrnehmung der eigenen Reaktion auf die filmische Gestaltung anderer Lebenswirklichkeiten und -perspektiven. Diese Unmittelbarkeit im Erlebnis des Mediums Film ist ein ausgezeichneter Bezugspunkt für nachhaltige und dauerhafte Lernprozesse.


Die vorliegende Unterrichtseinheit gliedert sich in drei Teile:

  • Im ersten Teil der Unterrichtsreihe blicken die Schüler/-innen hinter die Kulissen Europas größter Müllhalde auf dem afrikanischen Kontinent. Das was bei uns als Siegeszug der Moderne gilt, die Digitalisierung, wird in dem Film vom Ende, als Elektroschrott, betrachtet. Eingebettet ist die Arbeit mit dem Film in die Struktur und Besonderheiten globaler Wertschöpfungsketten.
  • Im zweiten Teil der Unterrichtsreihe wird mit dem Film "The Big Short" der Zusammenbruch des amerikanischen Häuser- und Bankenmarktes beschrieben. Der Film fragt u.a. explizit nach der politischen Verantwortung und trifft am Ende ein desillusioniertes Fazit über die halbherzigen Regulierungsverordnungen der Staaten. Eingebettet ist die Filmsichtung in die Staatsschuldenkrise in der EU und den Rettungsbemühungen bis hin zum ESM.
  • Im dritten Teil der Unterrichtsreihe wird der Film "Baader-Meinhof-Komplex" behandelt. Hierbei stehen Fragen der Abwägung der Sicherheitsinteressen des Staates und der persönlichen Freiheitsrechte genauso im Fokus, wie die Abwägung verschiedener Grundrechtsgüter. Im vierten Teil der Unterrichtsreihe wird anhand der satirischen ZDF-Serie "Deutscher" der Rechtspopulismus als politische Strategie genauer untersucht. Darüber hinaus lassen sich mit der Serie die Grundelemente der freiheitlich-demokratischen Grundordnung (FDGO) behandeln.

Die Unterrichtsreihe schließt mit einer Klausur und Erwartungshorizont zur Filmreihe "The Big Short".


Über "Politik betrifft uns" – Unterrichtsmaterial für den Politikunterricht

„Politik betrifft uns“ ist eine Fachzeitschriftenreihe zur Unterrichtsvorbereitung in Politik, Sozialkunde, Gemeinschaftskunde bzw. Politische Bildung in der Sekundarstufe II.

Im Abonnement erscheint die Publikation sechsmal im Jahr. Dabei thematisiert eine jede Ausgabe tagesaktuelle Geschehnisse aus Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft unter Berücksichtigung der Lehrpläne der Bundesländer.

Auf 28 Seiten wird eine komplette Unterrichtseinheit abgebildet. Aktuelle Texte, Statistiken, Interviews sind mit Aufgabenstellungen so aufbereitet, dass sie als Kopiervorlage direkt im Unterricht eingesetzt werden können. Die dazugehörigen Lösungen stehen Lehrerinnen und Lehrern im „Unterrichtsverlauf“ zur Verfügung. Eine Klausur mit Erwartungshorizont rundet jede Ausgabe ab.

Neben der gedruckten Form erscheint "Politik betrifft uns" auch digital. Online bekommen die Abonnentinnen und Abonnenten Zugriff auf die gesamte Ausgabe als PDF-Datei und editierbare WORD-Datei. So wird die Möglichkeit geboten, Arbeitsblätter für die jeweilige Lerngruppe anzupassen. Außerdem sind Bilder und Karikaturen online einzeln verfügbar, um diese mit Beamer oder interaktivem Whiteboard präsentieren zu können.

„Politik betrifft uns“ ist bestellbar als Zeitschriften- oder Online-Abonnement.

Zusätzlich besteht die Möglichkeit, mit einer erweiterten Schullizenz die Publikation in der Fachschaft und dem Schulnetzwerk zu nutzen.

Aus dem Inhalt


Diese Ausgabe enthält Unterrichtsmaterial zu folgenden Themen:

1. Teil: Globale Wertschöpfungsketten
  • Welcome to Sodom. Dein Smartphone ist schon hier
  • Die globale Wertschöpfungskette beim Handy
  • Fragebogen: Kaufverhalten bei Smartphones
  • Nachhaltige Kreislaufwirtschaft
  • Der Abfall eines Jahres AKTUELL
2. Teil: Fehler im System – Krise der Märkte
  • The Big Short
  • Von der Immobilienkrise zur Euro-Schuldenkrise
  • Der Euro-Rettungsschirm
  • Ist unser Finanzsystem heute sicherer?
3. Teil: Demokratieentwicklung der jungen Bundesrepublik
  • Der Baader-Meinhof-Komplex
  • Das Handeln des Staates – zwischen Sicherheit und Freiheit!
  • Recht auf informationelle Selbstbestimmung im digitalen Zeitalter
  • Die Güter abwägen von Helmut Schmidt
4. Teil: Dystopische Zukunft der Bundesrepublik Deutschland
  • Analyse von Wahlplakaten
  • Karikatur: Populismus
  • Ein bisschen Populismus ist immer
  • Ein bisschen Populismus ist immer EXTRA
  • Dystopische Zukunftsversion: Rechtspopulismus an der Macht
  • Ursachen für den Aufstieg des Rechtspopulismus
5. Teil: Klausurvorschlag + Erwartungshorizont
  • Klausurvorschlag
  • Erwartungshorizont


Einleitung

„Am Anfang aller Erkenntnis steht das Staunen“ (Thomas von Aquin). Getreu diesem Motto halten Sie heute ein Pbu-Heft zur Filmbildung in Ihren Händen. Die Kunstgattung Film hat natürlich gegenüber anderen wissenschaftlichen Weltdeutungen, die wir tagtäglich im Unterricht verwenden (z.B. wissenschaftliche oder journalistische Texte, Grafiken, Statistiken, Bilder und Karikaturen), den unbestreitbaren Nachteil, dass er aufgrund seiner zeitlichen Sperrigkeit für die 45-minütige Portionierung ungeeignet erscheint. Zusätzlich steht der (Spiel-)Filmeinsatz auch im durchaus berechtigten Ruf, ein „einfacher Unterrichtsfüller“ zu sein. Das ist mehr als schade, denn eine pädagogisch motivierte und didaktisch durchdachte Auseinandersetzung mit Filmen kann den Unterricht inhaltlich und methodisch bereichern und damit dessen Lernwirksamkeit bei den Schülerinnen und Schülern erhöhen.

Filme eignen sich im Besonderen für den Politikunterricht, weil sie bei aller analytischen Durchdringung und didaktischer Aufbereitung einen ganzheitlichen ästhetischen Mehrwert bieten: die Wahrnehmung der eigenen Reaktion auf die filmische Gestaltung anderer Lebenswirklichkeiten und -perspektiven. Diese Unmittelbarkeit im Erlebnis des Mediums Film ist ein ausgezeichneter Bezugspunkt für nachhaltige und dauerhafte Lernprozesse. Hinzu kommt auf der Seite der Rezipienten ein immenses Interesse an dem Medium Film. So sind etwa 50% aller Kinobesucher unter 30 und immerhin noch etwa 30% unter 20. Für die Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Heranwachsenden ist das Medium Film ein sehr bedeutsames. Aus diesem Grund sollte die Schule dieses auch im Unterricht aufgreifen, denn Filme bieten neben Unterhaltung und Ablenkung immer auch Identifikationsmöglichkeiten und kontroverse, diskursive Gesprächsstoffe, die für den Unterricht genutzt werden können.

Hinsichtlich der Struktur der Filmgattungen ist es für die Planung von Unterrichtsreihen mit Filmen hilfreich, eine Unterscheidung zwischen dem Dokumentarfilm auf der einen und dem Spielfilm auf der anderen Seite einzuführen. Während der Spielfilm fiktional ist und damit eine Geschichte erzählen will, die quasi real sein könnte, erhebt der Dokumentarfilm den Anspruch, sich auf tatsächlich so geschehene Begebenheiten zu beziehen und damit die Wirklichkeit objektiv so abzubilden, wie sie geschieht. Damit vermittelt der Dokumentarfilm den Zuschauern einen höheren Wahrheitsgehalt, der aber unterschlägt, dass seine Produktionsbedingungen und -entscheidungen hochgradig subjektiv sind. Entsprechend ergänzen sich dann bei Dokumentar- und Spielfilmen die Untersuchungsebenen. Während der Dokumentarfilm hinsichtlich der verwendeten Bilder, deren Auswahl und Aufarbeitung diskutiert werden muss, müssen bei Spielfilmen die realen der Fiktion zugrunde liegenden gesellschaftlichen und politischen Kontexte problematisiert werden. Die Ihnen mit diesem Heft vorliegenden Arbeitsvorschläge versuchen, diese unterschiedlichen Herangehensweisen exemplarisch umzusetzen. 

Der erste Unterrichtsvorschlag beschäftigt sich mit dem Dokumentarfilm „Welcome to Sodom. Dein Smartphone ist schon hier“. Der Dokumentarfilm lässt die Zuschauer hinter die Kulissen Europas größter Müllhalde auf dem afrikanischen Kontinent blicken. Das, was bei uns als Siegeszug der Moderne gilt, die digitale Revolution, wird hier vom Ende her, nämlich als Elektroschrott, betrachtet. Besonders gelungen an dem Film ist der Respekt, den er seinen Protagonisten entgegenbringt.

Der zweite Unterrichtsvorschlag beschäftigt sich mit dem Spielfilm „The Big Short.“ Der Film (2016) beschreibt den Zusammenbruch des amerikanischen Bankenwesens als Folge der Krise am Immobilienmarkt und endet 2008 mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers. Dabei hat der Regisseur das interessante Experiment gewagt, ein Sachbuch in einen Spielfilm zu transformieren. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive einiger Spekulanten, die gegen den amerikanischen Häusermarkt wetten (shorten = wetten, setzen auf). Der Film ist eine stilsichere Mischung aus Tragödie und Komödie und unterscheidet sich von anderen Wall-Street-Filmen dadurch, dass er nicht nur die Gier als Ursache dieser Verfehlungen in den Blick nimmt, sondern immer auch nach der politischen Verantwortung fragt. Zum Schluss macht der Film deutlich, dass die Staaten und Banken aus ihren Fehlern nichts gelernt haben. Die neuen durch die Staaten eingeführten Regulierungsverordnungen sind halbherzig, sodass die Finanzmärkte weiterhin große Anreize bieten, die strukturellen Schwächen im System auch in Zukunft auszunutzen.

Der letzte behandelte Spielfilm ist der 2008 erschienene „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Basierend auf dem Sachbuch von Stefan Aust, von Uli Edel verfilmt, kommt der Film ohne durchgängigen Erzähler aus. Er beleuchtet die Jahre von 1967 bis zum „Deutschen Herbst“ 1977. Der Spielfilm integriert historische Original-Aufnahmen und versucht, damit einen gleichsam dokumentarischen Charakter bei großer Nähe zu den dargestellten Protagonisten zu erzeugen. Die Unterrichtsreihe endet mit der vierteiligen ZDF-Serie „Deutscher“, abrufbar in der ZDF-Mediathek. Die Familien Schneider und Pielcke sind seit Jahren direkte Nachbarn in einem ruhigen Vorort. Ihre Söhne sind im gleichen Alter, gehen zur selben Schule und sind befreundet. Die Eltern kennen und grüßen sich, pflegen aber nur sporadisch Kontakt. Als im fernen Berlin eine rechtspopulistische Partei mit absoluter Mehrheit gewählt wird, die die Regierung übernimmt, verfallen die Schneiders in eine Art Schockzustand. Familie Pielcke hingegen feiert das Wahlergebnis. Der Versuch der Schneiders, auf Distanz zu den Pielckes zu gehen, wird vom eigenen Sohn unterwandert. Er verbringt lieber Zeit bei den Nachbarn. Während die Pielckes zunehmend optimistisch in die Zukunft schauen und erste Entscheidungen der neuen Regierung begrüßen, hadern die Schneiders immer mehr mit den neuen Verhältnissen.

Natürlich ist die von uns getroffene Filmauswahl nicht erschöpfend. Weitere lohnende Filme seien an dieser Stelle kurz erwähnt. Für die Frage nach der Zukunft der Gesellschaft ist „Gattaca“ sehr sehenswert. Hier wird in einer nicht so fernen Zukunft eine Gesellschaft skizziert, die durch die vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms in der Lage ist, direkt nach der Geburt Voraussagen über Krankheiten und andere Eigenschaften zu treffen. Zusätzlich erhalten die Menschen die Möglichkeit, ihre Kinder genetisch zu optimieren. Der Film stellt in sehr eindringlichen Bildern die Frage, ob klassische Konzepte menschlicher Individualität in der Zukunft noch existieren werden.

Ein weiterer Tipp ist der 2005 erschienene „Lord of War“, in dem die fiktive, allerdings auf einer realen Figur basierende Geschichte des Waffenhändlers Yuri Orlov erzählt wird. Der packende Film bleibt nicht nur bei der moralischen Empörung über den illegalen Waffenhandel stehen, sondern bindet diesen mit den Mitteln des Spielfilms gelungen in die internationale Politik ein. Dabei zeigt er, dass Waffenhandel zuallererst politische Einflussnahme bedeutet, und problematisiert die starke Stellung der fünf Veto-Mächte im UN-Sicherheitsrat, die auch gleichzeitig die größten Waffenexporteure weltweit sind. In den Literaturempfehlungen am Ende dieses Heftes finden sich Hinweise zu weiteren Filmen.

Kompetenzerwerb der Schülerinnen und Schüler

Die vorliegende Unterrichtseinheit ist in fünf Teile gegliedert. 

Der erste Film „Welcome to Sodom“ lässt sich hervorragend im Themenfeld Wirtschaft/Vernetzte Märkte oder der Globalisierung einsetzen. Darüber hinaus böte sich auch der Einsatz im Themenfeld Globale Herausforderungen, z.B. Entwicklung und Entwicklungspolitik oder Armut als globales Gerechtigkeitsproblem, an.

Der zweite Film „The Big Short“ eignet sich ausgezeichnet im Themenfeld Verflochtene Wirtschaft, da mit ihm die Immobilien-, Banken- und Finanzkrise des Jahres 2008 als Ursache der folgenden Staatsschulden- und Eurokrise herausgearbeitet werden kann. Darüber hinaus können mit dem Film auch die Deregulierungsbestrebungen neoliberaler oder monetaristischer Wirtschaftstheorien kritisch hinterfragt werden. Mit dem „Baader-Meinhof-Komplex“ lassen sich Problemstellungen aus der Demokratieentwicklung und dem politischen Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland kritisch analysieren. So kann mit dem Film z.B. die Entwicklung der Demokratie in der Bundesrepublik behandelt werden. Weitere denkbare Ansätze wären die Fragen, ob die Sicherheitsinteressen des Staates gewichtiger als die persönlichen Freiheitsrechte der Bürger sind oder wie der Staat zwischen den Rechtsgütern „Rechtssicherheit der Bundesrepublik“ und dem „Recht der Geiseln auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ abwägen soll.

Die ZDF-Serie „Deutscher“ kann zur Erarbeitung des Populismus und Rechtspopulismus als politische Strategien verwendet werden, die programmatisch vor allem eine „Wir-Die“-Dichotomie aufmachen. Darüber hinaus lassen sich mit der Serie die Grundelemente der freiheitlich-demokratischen Grundordnung auf ihre Notwendigkeit für das Funktionieren eines demokratischen Staates hin untersuchen.

Den Abschluss der Reihe bildet eine für eine Doppelstunde konzipierte Klausur einschließlich des möglichen Erwartungshorizonts.